Elternsprechtag

Donnerstag, 23.November 2017 - 17:00 bis 20:00 Uhr

Raumeinteilung für den Elternsprechtag

Landessieger bei den Philolympics 2017

„Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Dieses Zitat des österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein entstammt seinem Werk „Tractatus logico-philosophicus“, in dem Wittgenstein versucht hat, logische Regeln für eine wissenschaftliche, völlig objektive Sprache aufzustellen. Dass dieser Versuch zum Scheitern verurteilt war, zeigt sich bereits im oben genannten Zitat, war sich der renommierte Sprachphilosoph doch durchaus selbst bewusst, dass eine solche Sprache nie die gesamte Wirklichkeit abbilden konnte.

 

Doch anstatt zu schweigen, entschieden sich drei Schülerinnen und Schüler unserer Schule dazu, offen und ehrlich über brisante Sujets, Tabu-Themen und immer aktuell bleibende philosophische Fragen zu schreiben, und so verfassten Julia Pabst, Silke Schusser und Georg Pickl (alle 8bf) philosophische Essays zu provokanten, zum Nachdenken anregenden Fragen und reichten die entstandenen Texte beim steirischen Landeswettbewerb der Philosophieolympiade ein.

 

Am 15. Februar 2017 fand schließlich das Landesfinale in Graz statt, bei dem sich Schülerinnen und Schüler aus der gesamten Steiermark trafen, um zunächst gemeinsam mit Peter Strasser (Universitätsprofessor für Rechtsphilosophie und Ethik an der Karl-Franzens-Universität Graz) über verschiedene interessante Themen, wie zum Beispiel Gerechtigkeit oder Tierethik, zu diskutieren und anschließend der Preisverleihungszeremonie beizuwohnen. Bei dieser wurden die besten der insgesamt 48 eingereichten Essays gekürt und den siegreichen Teilnehmerinnen und Teilnehmern Urkunden sowie Bücher zu philosophischen Themenstellungen übergeben. Unsere Schule konnte einen großen Erfolg für sich verbuchen: Alle Essays der Teilnehmerinnen und Teilnehmer unserer Schule fanden sich im Ranking unter den besten der Steiermark. Julia Pabst und Silke Schusser erhielten den großartigen 9. Preis (mit dem „9. Platz“ wurden jene Aufsätze prämiert, die es nicht unter die besten 8 geschafft hatten, aber von außerordentlich hoher Qualität waren) und Georg Pickl konnte mit seinem Essay zum Thema „Nationalstolz“ den ersten Platz erreichen.

Besonders positiv hervorgehoben wurde die Fähigkeit der Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen, kritisch über den Tellerrand zu schauen und komplexe Themen durch vielschichtige Argumentation von verschiedenen Seiten zu beleuchten. Die tiefgründigen Texte der Schülerinnen und Schüler zeigen, dass Philosophie nicht eine sinnlose, zeitverschwenderische Tätigkeit ist, „die einem nichts bringt“, sondern besonders in der heutigen Zeit wichtiger denn je ist. Als vernünftige, aufgeklärte Menschen sollten wir Geschehnisse immer reflektiert und kritisch hinterfragen, anstatt blind Anweisungen anderer zu gehorchen und uns somit geistig unterjochen zu lassen.

Georg Pickl, 8bf

Wir danken allen TeilnehmerInnen für ihr Engagement und gratulieren unserem Landessieger ganz herzlich!

Mag.a Ursula Schriefl 

 

Essay zum Zitat:

„Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein.“

 

„Selbstbewusstsein und Freude über einen Besitz, eine [eigene] Leistung“, so definiert der Duden das Wort „Stolz“. Nun drängt sich aber die Frage auf, worauf jene stolz sein können, die weder über großartigen Besitz verfügen noch außerordentliche, von der Gesellschaft hochgeachtete Leistungen vollbringen. Viele berufen sich in diesem Falle auf die Grundfesten ihrer sozialen Identität, auf jenen „Besitz“, den sie mit meist tausenden anderen teilen: ihre Nationalität.

 

Nationalstolz ist jedoch im Grunde genommen keine valide Form von Stolz. Per Definition kann der Mensch nämlich nur stolz auf das sein, was entweder einen Besitz oder eine Leistung darstellt. Betrachtet man nun das Phänomen „Nationalität“ näher, wird man aber erkennen, dass es sich hierbei mit Sicherheit nicht um eine Leistung, aber auch nicht um einen wirklichen Besitz handelt. Vielmehr ist Nationalität etwas Zufälliges, ein Abstraktum, das die Zugehörigkeit zu einer großen, äußerst heterogenen Gruppe repräsentiert. Zwar lassen sich trotz der bereits erwähnten starken Heterogenität einige gemeinsame Faktoren, wie zum Beispiel Kultur oder Sprache, in dieser Gruppe finden, jedoch können auch diese Elemente innerhalb der Nation stark variieren und bieten somit eigentlich kaum greifbare Anhaltspunkte. Lediglich offizielle Formulare bezeugen unsere nationale Identität – seien es die Geburtsurkunde, der Staatsbürgerschaftsnachweis oder ein Ausweisdokument.

 

Wieso verspüren aber so viele Menschen Zugehörigkeit zu einer Gruppe, innerhalb derer solch extreme Unterschiede herrschen, die faktisch nur auf dem Papier geeint ist? Wie so oft in unserer Zeit sind es nicht harte Fakten, die hierbei eine tragende Rolle spielen, sondern vielmehr Emotionen, selbsterschaffene Realitätsbilder. Postfaktisch, so heißt das Modewort, das eine treffende Beschreibung dieses Phänomens liefert. Indem sowohl Politiker als auch andere populäre Persönlichkeiten uns glauben lassen, die Nation müsse zusammenhalten, geben sie den Menschen das Gefühl, gemeinsam stark zu sein. Somit vermitteln sie vor allem sozial benachteiligten Menschen das Gefühl, dass sie Teil von etwas Großem sind, von etwas, das Bedeutung hat, auch wenn dieses Etwas auf nichts Realem, Faktischem basiert, sondern nur eine künstlich erschaffene, unwirkliche Akkumulation von Emotionen ist. Besonders jene Personen, die in ihrem Alltag wenig Anerkennung erfahren, frustriert sind oder sich ausgegrenzt fühlen, profitieren von der Gelegenheit, sich diesem sozialen Gefüge anzuschließen, das ihnen die Möglichkeit bietet, sich mächtig und nicht alleingelassen zu fühlen.

 

Ohne dass die Menschen also faktisch etwas besitzen oder eine außergewöhnliche Leistung erbringen, wird in ihnen das Gefühl von Stolz geschürt, was allerdings wiederum die Menschen dazu verleitet zu denken, sie hätten tatsächlich einen Besitz, den es zu verteidigen gilt. Auf die Frage, gegen wen dieser nichtexistente Besitz zu verteidigen sei, gibt es natürlich auch wieder keine auf Fakten basierende Antwort – denn wie sollen wir etwas, das gar nicht da ist bzw. niemandem gehört, gegen jemanden verteidigen? Die Logik verwehrt uns hier eine Antwort, nicht aber die Psychologie: Diese sieht nämlich das Haben-Wollen als typischen Teil des menschlichen Verhaltens an, womit wir wieder zu unserer Anfangsproblematik zurückkehren: Die faktisch Besitzlosen klammern sich an ihren imaginären Besitz. Stellt dieser imaginäre Besitz auch noch ein kollektives Eigentum dar – was im Falle der Nation durchaus zutrifft –, so kann man ein Verhaltensmuster beobachten, das im Laufe der sozialen Evolution der Menschheit immer wieder aufgetreten ist: Mehrere Gruppen wollen dieses Eigentum besitzen und streiten darum, wer nun der rechtmäßige Eigentümer ist – selbst wenn niemand ein wirkliches Anrecht auf diesen Besitz hat.

Durch das Streiten um dieses Eigentum entsteht allerdings Zwietracht, welche niemals die Basis für ein friedliches Miteinander sein kann, anstatt dessen führt sie zur Kreation von Feindbildern, Stereotypen und Ausgrenzung. Im Zuge ihrer Bestrebungen, ihre Nation zu verteidigen, richten die Menschen ihren Hass gegen all jene, die nicht in das Bild dieser Nation passen. Doch auch hier stellt sich uns eine weitere Problematik: Wie bereits erörtert gibt es keine homogene Masse namens „Nation“, vielmehr lebt eine Nation von der Unterschiedlichkeit der ihr angehörenden Menschen und stellt nur einen Begriff dar, in einem Land lebende Menschen zusammenzufassen; schlussendlich hilft uns das Wort „Nation“ also nur, unsere Welt etwas zu ordnen. Obwohl Menschen von gleicher Nationalität also verschiedenste Merkmale aufweisen können, macht sich jeder ein eigenes, meist einseitiges Bild von seiner Nation, wählt also selektiv Werte und Normen aus, auf die er stolz sein möchte. Häufig bedienen sich die Menschen hierbei verschiedener Klischees und Standardbilder und kreieren somit ihre eigene Vorstellung der Realität, die nicht zwingendermaßen mit der Wirklichkeit übereinstimmen muss. Anschließend zeigen sie aversive Reaktionen jenen Individuen gegenüber, die ihre selbstkonzipierte Vorstellung von Wirklichkeit stören. So kommt es, dass in zahlreichen europäischen Ländern die Ausländerfeindlichkeit massiv zunimmt. Vor allem Menschen aus äußerst verschiedenartigen Kulturkreisen, Menschen anderer Hautfarbe oder Religion werden diskriminiert und aus der Gesellschaft ausgestoßen, denn sie passen nicht in das stereotypische Bild, das viele Menschen von ihrer Nation haben.

Besonders Rechtspopulisten bedienen sich dieser Ängste der Menschen und verstärken sie, indem sie das Gefühl im Volk schüren, die Nation sei durch Ausländer, Flüchtlinge und Asylsuchende bedroht. „Daham statt Islam“ oder „Fremd in der eigenen Schule“, mit diesen Slogans wirbt beispielsweise eine politische Partei und schürt somit den Fremdenhass in der Bevölkerung. Wiederum schwingt hierbei der Aspekt des Postfaktischen mit: Solchen politischen Parteien geht es weniger darum, konkrete Probleme anzusprechen und detaillierte Lösungsstrategien vorzuschlagen; stattdessen wählen sie Themen, welche die Menschen emotional mitreißen und Bedrohung durch Andersartige suggerieren – eine Strategie, die Wirkung zeigt. Eine weitere Möglichkeit, diese eigentlich irrationalen Ängste gerechtfertigt erscheinen zu lassen und somit rational werden zu lassen, gewinnt in letzter Zeit zusehends an Bedeutung und Popularität: Fake-News. Diese publik gemachten Gerüchte und falschen Anschuldigungen liefern den Menschen Argumente, mit denen sie ihre Befürchtungen und somit auch ihren Nationalstolz rechtfertigen können. Selbst wenn falsche Nachrichten als solche enttarnt werden, sind ihre Nachwirkungen oft stark zu spüren und hinterlassen das Gefühl, etwas Derartiges könne tatsächlich passiert sein. Noch gefährlicher allerdings sind Fake-News, die erst gar nicht oder viel zu spät als solche enttarnt werden und deshalb verheerende Folgen haben können. Das hat sich beispielsweise unlängst gezeigt, als der pakistanische Verteidigungsminister Israel mit dem Einsatz von Nuklearwaffen gedroht hat – als Reaktion auf einen gefälschten Artikel aus dem Internet.

Gefährlich werden extremistische Strömungen aber vor allem dann, wenn sie zum Entstehen von riesigen Gruppen führen, welche diese Ideologien vertreten. Je größer und dominanter diese Gruppe wird und je mehr Anhänger sie um sich schart, desto schwieriger wird es – selbst für anfangs liberal denkende Menschen – sich ihrem Einfluss zu entziehen. Dieses Faktum wird beispielsweise auch in T.C. Boyles Roman „The Tortilla Curtain“ thematisiert, in dem der Protagonist, Delaney Mossbacher, ein zunächst toleranter und liberaler Mensch, sich durch den Einfluss seiner Umgebung, seiner Freunde und Bekannten zu einem rassistischen, patriotischen Menschen entwickelt, dem sein Hab und Gut sowie oberflächliche Faktoren wichtiger werden als das Wohl anderer Menschen. Gerade deshalb ist es vonnöten, dass insbesondere in Zeiten, in denen radikale Bewegungen entstehen, zahlreiche Menschen nicht ihre Fähigkeit, kritisch zu denken, verlieren und somit diese Entwicklungen beurteilen und sich gegen sie zur Wehr setzen können.

Gerade heutzutage wäre es fatal zu versuchen, sich gänzlich vom Rest der Welt abzuschotten; schließlich bringt gerade die Vermischung der Kulturen unheimliches Weiterentwicklungspotential mit sich. Voneinander lernen und lernen, einander zu akzeptieren, das wäre das Idealbild einer offenen Gesellschaft, in der jeder Mensch die Möglichkeit hat, sich persönlich zu entfalten und etwas zu erreichen. Um voneinander lernen zu können, ist es aber wichtig, auch das eigene Verhalten reflektieren zu können und sich zunächst selbst zu akzeptieren. Schließlich ist jeder Mensch etwas Einzigartiges, es gibt niemanden, der gleich ist wie der andere – und das ist gut so. Jeder Einzelne hat sein Leben selbst in seiner Hand, jeder Mensch hat Würde an sich, ist ein im Willen freies Wesen. Auch wenn die Gesellschaft uns Menschen prägt und lenkt, wir sollten nie vergessen, dass jeder frei sein darf und kein Mensch das Recht hat, sich aufgrund seines sozialen Status, seines Einkommens, seines Erfolgs, seiner Religion oder gar seiner Nation anderen gegenüber überlegen zu fühlen. Deshalb ist es wichtig, nicht nur darauf zu schauen, was uns trennt, sondern auch was uns verbindet. Ironischerweise eint uns aber genau der Faktor, der uns scheinbar trennen sollte, am meisten: unsere Individualität. Um harmonisch zusammenleben zu können, ist es deshalb vonnöten, dass wir die Individualität der anderen akzeptieren lernen; doch damit wir dies erreichen können, müssen wir zuerst lernen, uns selbst zu akzeptieren. Wir sind, was wir sind, wir tun das, was uns Freude macht, wir handeln, wie wir es für gut halten, wir müssen nicht immer einer Meinung sein: Deshalb sollten wir uns aber nicht verstecken müssen, vielmehr sollten wir stolz auf unsere Individualität sein – denn als Individuum wahrgenommen zu werden, das ist in unserer heutigen Gesellschaft eine echte Leistung, auf die man wahrhaftig stolz sein kann. Die Bekämpfung von auf Streit und Zwietracht basierenden Tendenzen wie dem Stolz auf die eigene Nation klingt also simpel und dennoch erfordert es ein gutes Maß an Selbstreflexion, um sie in die Tat umzusetzen – die Devise lautet nämlich: Individualstolz statt Nationalstolz.

 

 

 

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